Unwillkürlich blickt nach oben, wer vor den Türmen der
über 900 Jahre alten Kirche St.Michael steht. Doch
die Tafel am Fuß der Treppen zur altehrwürdigen Grabstätte
des Heiligen Otto fordert dazu auf, den Boden zu betrachten. Dort
gilt es, nicht den Kirchenschätzen, sondern den Elementen
einer sogenannten "Pflasterfugenvegetation" nachzuspüren.
Was sich ein wenig spröde und geschraubt anhört, entpuppt
sich bei näherem Hinsehen als virtuose Gemeinschaft von Überlebenskünstlern,
die den schmalen Spalt zwischen Pflasterstein und Pflasterstein
besiedeln. Rispengras, Bruchkraut und Vogelknöterich
teilen sich dort den knapp bemessenen Bodenraum. Wer hier gedeihen
will, muß hart im Nehmen sein: von Schuhen getreten und
Autoreifen überrollt, in der Sommerhitze zwischen aufgeheizte
Granitsteine eingezwängt, beständig auf dem Trockenen
sitzend und dann wieder von unliebsamem Dünger (Hunde, Katzen)
beträufelt - in dieser widrigsten aller Umwelten gilt es,
den gesamten Lebenszyklus von der Keimung bis zur Samenreife zu
durchstehen. Wen wundert es, daß die Opfer solcher Umstände
winzig bleiben müssen verglichen mit ihren Verwandten auf
der Wiese oder im Wald. Der Tausendsassa Breitwegerich
bildet hier nur Kümmerformen aus. Aber immerhin: er gedeiht.
Außer der geringen Größe helfen den Fugenkräutern
noch andere Strategien den Lebenskampf zu bestehen. Sie verzweigen
sich stark und nahe am Boden, bilden elastisches, aber festes
Gewebe aus, wachsen schnell, wenn es gerade feucht ist, und blühen
lange und mehrmals im Jahr. Weil die Wahrscheinlichkeit groß
ist, daß die Nachkommenschaft wiederum auf Stein landet,
produzieren die Fugenkräuter Unmengen von Samen. Das erhöht
die Chancen, einen Ort zu finden, in dem er keimen kann. Behilflich
bei der Reise ins Ungewisse ist der Wind, gelegentlich aber auch
die Rille in der Schuhsohle eines Passanten, in der die Samen
unfreiwillig zu einem neuen Standort transportiert werden.
Bei diesen sowieso schon strapaziösen Lebensbedingungen ist
es für die Pflanzen der Pflasterritzen, zu denen noch Mastkraut
und das Silber-Birnmoos gehören, dann völlig
aussichtslos "durchzukommen", wenn zusätzlich der
Mensch mit seinem gewöhnlich ausgeprägten Ordnungssinn
eingreift. Gegen eine scharfe Harke und eine ordentliche Portion
Chemie ist nicht einmal dieses Kraut gewachsen.
Aber muß solch übertriebene Pflege sein? Die Pflanzen
der Pflasterfugen richten keinen Schaden an. Läßt man
sie zur Entfaltung kommen, können sie mit ihrem grünen
Flaum so manchen kahlen Platz und Bürgersteig bereichern.
Wer zuhause seine Gehwegplatten oder Pflastersteine lückig
verlegt (Terrasse, Garagenzufahrt, Fußwege etc.), fördert
diese zu Unrecht verachtete Spezies und kann sich an ihrem unverwüstlichen
Lebensmut vielleicht so manches Stückchen abschauen.