Laßt doch den Bächen ihren Lauf!
Lebensräume in Franken (9.Folge): Bachtäler

In jeder Kindheit gibt es einen Bach, oder gab es zumindest vor zwanzig Jahren noch: ein Gewässer, wo man spielend die Nachmittage verbrachte, Holzschiffe an Schnüren gleiten ließ oder Bachneunaugen fing, um ihre Saugmäuler zu studieren, die sich am Fangglas abzeichneten. Wenn man durch das flache Wasser stapfte, huschten die Forellen davon. Am Ufer staute man mit Spielkameraden den Bach an, um sich im heißen Sommer darin zu baden.

Franken ist an sich reich an Bächen, die aus den Mittelgebirgen in die weiten Täler von Regnitz und Main strömen. Aber diese Bäche sind uns und unseren Kindern ferngerückt im Kleid moderner Technik. Ihr naturnahes Umfeld aus Auwäldern und Feuchtwiesen wurde in wenigen Jahren durch Rodung und Umbruch tiefgreifend verändert, sie selbst verschwanden vielerorts in künstlichen Rinnen aus Stein und Beton. Man mißachtete, daß der Bach nicht am Ufer aufhört, sondern ökologisch eng mit der Aue "kommuniziert".

In Westdeutschland sind nur noch 10% aller Bäche im naturnahen Zustand, in Franken nicht viel mehr. Aus lebendigen Fließgewässern wurden "Vorfluter", wie Bäche heute im Technokratenjargon heißen, die nur noch dazu da sind, unsere Abwässer aufzunehmen. Wo einst in romantischer Übertreibung "das holde Bächlein" mit seinem Plätschern und dem Vogelgezwitscher für süßes Naturerlebnis stand, rauscht heute der Vorfluter im begradigten und bewuchsarmen Bett mit seiner Abwasserfracht vorbei.

Selbst relativ naturbelassene Bäche, die in breiten Streifen von Erlen, Weiden und dichtem Unterwuchs gesäumt werden und noch den Eindruck von feuchter Wildnis vermitteln, hat es erwischt: durch die Säureattacke aus der Luft ist in vielen Bächen, die aus dem Fichtelgebirge und dem Frankenwald kommen, das Leben beinahe erloschen. Die Versauerung der Fließgewässer ist besonders dort drastisch, wo der Untergrund sowieso schon aus sauren Gesteinen wie Granit besteht. Einst in fränkischen Fließgewässern häufige Tiere wie die Flußperlmuschel, die eine ganze Zunft von Muschelfischern beschäftigte, stehen heute aus diesem Grund am Rand des Aussterbens. Dabei haben Muscheln eine wichtige Aufgabe bei der Selbstreinigung des Gewässers: ihre Filterleistungen stehen denen moderner Kläranlagen kaum nach.

In der Fränkischen Alb, wo der Boden sehr kalkhaltig ist, wird die Säure aus der Luft vom Kalk neutralisiert, so daß die Bäche, die von dort herabfließen, ökologisch noch stabiler und artenreicher sind. Nicht umsonst sind die schmalen, von Felsen überragten Albtäler zur Attraktion für Touristen geworden. Über ihren grünen Auen liegt immer noch ein Hauch von Romantik. Im Frühjahr leuchten die Talwiesen im Gelb der Sumpfdotterblume und dem Hellrosa des Wiesenschaumkrautes. Der hohe Anspruch dieser Pflanzen an Feuchtigkeit und Nährstoffe wird durch die periodischen Überschwemmungen erfüllt. Denn das Wasser birgt nahrhafte Schwebstoffe und lagert sie auf der Feuchtwiese ab.

Die Fruchtbarkeit des Auebodens hat denn auch viele Landwirte zum Umbruch der Wiesen, zum Einschlag bachbegleitender Gehölze und zur Anlage von Maisäckern in unmittelbarer Bachnähe verführt. Aber die bittere Rechnung folgte auf dem Fuß: tonnenweise wurde bei Überschwemmungen wertvoller Humus abgetragen, der zudem mit seinem hohen Nitratgehalt das Bachwasser belastet und Sauerstoof zehrt. Der Ruf nach Hochwasserfreilegung ließ nicht lange auf sich warten. Im Gefolge verschwanden viele Bachläufe in steinernen Betten.

Dennoch: es besteht wieder Grund zur Hoffnung. Aus Schaden wird man klug - zumindest gelegentlich. Die Wasserwirtschaftsämter beginnen mittlerweile das Land im Umfeld von Bächen aufzukaufen und naturnah zu bewirtschaften. In Kooperation mit Naturschutzverbänden werden sogenannte "Renaturierungsprojekte" durchgeführt - so z.B. an der Schwarzach in Mittelfranken, die ihren alten gewundenen Lauf wiederbekommt. Das könnte Zeichen sein für ein neues Naturverständnis, das der Natur mehr Raum läßt für ihr eigenes Formschaffen.