Laßt doch den Bächen ihren Lauf!
In jeder Kindheit gibt es einen Bach, oder gab es zumindest vor
zwanzig Jahren noch: ein Gewässer, wo man spielend die Nachmittage
verbrachte, Holzschiffe an Schnüren gleiten ließ oder
Bachneunaugen fing, um ihre Saugmäuler zu studieren, die
sich am Fangglas abzeichneten. Wenn man durch das flache Wasser
stapfte, huschten die Forellen davon. Am Ufer staute man mit Spielkameraden
den Bach an, um sich im heißen Sommer darin zu baden.
Franken ist an sich reich an Bächen, die aus den Mittelgebirgen
in die weiten Täler von Regnitz und Main strömen. Aber
diese Bäche sind uns und unseren Kindern ferngerückt
im Kleid moderner Technik. Ihr naturnahes Umfeld aus Auwäldern
und Feuchtwiesen wurde in wenigen Jahren durch Rodung und Umbruch
tiefgreifend verändert, sie selbst verschwanden vielerorts
in künstlichen Rinnen aus Stein und Beton. Man mißachtete,
daß der Bach nicht am Ufer aufhört, sondern ökologisch
eng mit der Aue "kommuniziert".
In Westdeutschland sind nur noch 10% aller Bäche im naturnahen
Zustand, in Franken nicht viel mehr. Aus lebendigen Fließgewässern
wurden "Vorfluter", wie Bäche heute im Technokratenjargon
heißen, die nur noch dazu da sind, unsere Abwässer
aufzunehmen. Wo einst in romantischer Übertreibung "das
holde Bächlein" mit seinem Plätschern und dem Vogelgezwitscher
für süßes Naturerlebnis stand, rauscht heute der
Vorfluter im begradigten und bewuchsarmen Bett mit seiner Abwasserfracht
vorbei.
Selbst relativ naturbelassene Bäche, die in breiten Streifen
von Erlen, Weiden und dichtem Unterwuchs gesäumt werden und
noch den Eindruck von feuchter Wildnis vermitteln, hat es erwischt:
durch die Säureattacke aus der Luft ist in vielen Bächen,
die aus dem Fichtelgebirge und dem Frankenwald kommen, das Leben
beinahe erloschen. Die Versauerung der Fließgewässer
ist besonders dort drastisch, wo der Untergrund sowieso schon
aus sauren Gesteinen wie Granit besteht. Einst in fränkischen
Fließgewässern häufige Tiere wie die Flußperlmuschel,
die eine ganze Zunft von Muschelfischern beschäftigte, stehen
heute aus diesem Grund am Rand des Aussterbens. Dabei haben Muscheln
eine wichtige Aufgabe bei der Selbstreinigung des Gewässers:
ihre Filterleistungen stehen denen moderner Kläranlagen kaum
nach.
In der Fränkischen Alb, wo der Boden sehr kalkhaltig ist,
wird die Säure aus der Luft vom Kalk neutralisiert, so daß
die Bäche, die von dort herabfließen, ökologisch
noch stabiler und artenreicher sind. Nicht umsonst sind die schmalen,
von Felsen überragten Albtäler zur Attraktion für
Touristen geworden. Über ihren grünen Auen liegt immer
noch ein Hauch von Romantik. Im Frühjahr leuchten die Talwiesen
im Gelb der Sumpfdotterblume und dem Hellrosa des Wiesenschaumkrautes.
Der hohe Anspruch dieser Pflanzen an Feuchtigkeit und Nährstoffe
wird durch die periodischen Überschwemmungen erfüllt.
Denn das Wasser birgt nahrhafte Schwebstoffe und lagert sie auf
der Feuchtwiese ab.
Die Fruchtbarkeit des Auebodens hat denn auch viele Landwirte
zum Umbruch der Wiesen, zum Einschlag bachbegleitender Gehölze
und zur Anlage von Maisäckern in unmittelbarer Bachnähe
verführt. Aber die bittere Rechnung folgte auf dem Fuß:
tonnenweise wurde bei Überschwemmungen wertvoller Humus abgetragen,
der zudem mit seinem hohen Nitratgehalt das Bachwasser belastet
und Sauerstoof zehrt. Der Ruf nach Hochwasserfreilegung ließ
nicht lange auf sich warten. Im Gefolge verschwanden viele Bachläufe
in steinernen Betten.
Dennoch: es besteht wieder Grund zur Hoffnung. Aus Schaden wird
man klug - zumindest gelegentlich. Die Wasserwirtschaftsämter
beginnen mittlerweile das Land im Umfeld von Bächen aufzukaufen
und naturnah zu bewirtschaften. In Kooperation mit Naturschutzverbänden
werden sogenannte "Renaturierungsprojekte" durchgeführt
- so z.B. an der Schwarzach in Mittelfranken, die ihren alten
gewundenen Lauf wiederbekommt. Das könnte Zeichen sein für
ein neues Naturverständnis, das der Natur mehr Raum läßt
für ihr eigenes Formschaffen.
Lebensräume in Franken (9.Folge): Bachtäler