Die
Partnerschaft
1. Entstehung der Partnerschaft Am Anfang stand das Projekt "Benachteiligte fördern". Die Schüler der ehemaligen Klasse 9b des FLG beschäftigten sich im Schuljahr 2000-2001 mit der sozialen Situation in der Stadt Bamberg. Ein Jahr später fanden sich als Folge ihrer Arbeit verschiedene Klassen und Kurse unserer Schule mit den Behinderten - besser gesagt: den Mitarbeitern - der Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten zu einer auf Dauer angelegten Partnerschaft zusammen.
Förderlich dabei war, dass es Kontakte zwischen dem Franz-Ludwig-Gymnasium und den Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten schon seit langem gab. So war es bereits vor dem Beginn des Projektes Tradition, dass z.B. unsere Schüler zu Werksbesichtigungen die Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten aufsuchten oder Schulmusikgruppen dort Weihnachtsfeiern mitgestalteten. Die im Herbst 2001 beschlossene Partnerschaft sollte geprägt sein durch konkrete fachliche Aufgabenstellungen, durch Begegnungen der Schüler mit den Mitarbeitern der Werkstätten, durch gemeinsame fächer- und institutionsübergreifende Projektarbeit. Diese Art sozialen Lernens sollte beiden Seiten Nutzen bringen und Werte festigen.
2. Inhalte der Partnerschaft Die Partnerschaft mit den Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten hat dem Franz-Ludwig-Gymnasium eine neue Qualität des Unterrichtens eröffnet. Ein Schwerpunkt der gemeinsamen Aktivitäten ist die Veeh-Harfe. Dieses Instrument ist für die Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten sowohl in wirtschaftlicher wie auch in integrativer Hinsicht von sehr großer Bedeutung. Es stellt gewissermaßen die materielle Mitte eines auf menschliche Begegnung ausgerichteten Lernprojektes dar.
Gemeinsames Spielen auf der Veeh-Harfe Die Veeh-Harfe zeichnet sich durch leichte Spielbarkeit aus. Sie kann von jedem Laien benützt werden. Spezielle Notenkenntnisse sind nicht erforderlich. Es wird lediglich ein einfaches Spielblatt direkt unter die Saiten gelegt, das Musizieren durch lineares "Abzupfen" der Notenpunkte ermöglicht. Im Fach Musik lernen unsere Schüler Kompositionen in klassischer Notation für diese Blätter zu transkribieren. Außerdem erarbeiten sie Arrangements von Pop-Titeln mit Hilfe einer Kompositionssoftware, die auf einer "Play-along"-CD zum Musizieren mit der Veeh-Harfe erscheinen. Schließlich musizieren sie gemeinsam mit den Mitarbeitern der Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten. So war z.B. ihr Auftritt im diesjährigen Frülingskonzert ein großer Erfolg. Die Veeh-Harfe wird in den Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten hergestellt. Besonderer Wert wird dabei auf ein hochwertiges Endprodukt gelegt, das sich durch erlesene Materialien und eine äußerst sorgfältige Herstellungsweise auszeichnet. Um dieses nicht billige Hochwertprodukt erfolgreich verkaufen zu können, erarbeitete der Leistungskurs Wirtschafts- und Rechtslehre ein umfassendes Marketingkonzept. Die Schüler untersuchten dabei im Kontakt mit den Mitarbeitern der Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten die speziellen Bedingungen vor Ort sowie im überregionalen Bereich und unterbreiteten Vorschläge für verbesserte Vertriebswege. Sie bezogen auch andere Produkte der Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten wie Spielzeug, Bildkunstwerke der Mitarbeiter oder auch die genannten "Play-along"-CDs mit ein.
Um den Verkauf und den Bekanntheitsgrad der Belange der Bamberger-Lebenshilfe-Werkstätten zu steigern, wurde neben anderen Maßnahmen im LK Wirtschafts- und Rechtslehre eine Facharbeit für das Abitur 2003 vergeben. Ihr Titel lautete: "Erstellung von Internetseiten für die Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten". Das Internetportal von Florian Herrnleben kann jetzt unter www.blw.complicated.de genutzt werden. Über die Präsentation und Freischaltung dieses Online-Dienstes wurde im Fränkischen Tag am 21. März 2003 ausführlich berichtet. Beim Crossmedia-Wettbewerb 2003 in München erhielt der Schüler für seine Leistung in der Sparte "Internet" den mit 800 € dotierten ersten Preis.
Weitere Maßnahmen waren die Erstellung eines professionellen Werbeflyers für die Veeh-Harfe, die Förderung des Verkaufes der von den BLW-Mitarbeitern geschaffenen Bildkunstwerke, ein Interview im Bamberger Lokalradio sowie die Realisierung eines Verkaufsstandes für Produkte der BLW auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt. Die Idee zu diesem Stand kam aus dem WR-LK. Für den Verkauf auf dem Stand stellten sich Schüler auch aus anderen Gruppen zur Verfügung. Der Umsatz und die mit dem Stand verbundene Öffentlichkeitsarbeit waren ein voller Erfolg. Journalistisch betreut wird das Projekt im Rahmen des Deutschunterrichtes. Die ehemalige Klasse 9b (jetzt 11b) arbeitete zum einen mit der Presse zusammen. Zum anderen dokumentierte sie den Projektverlauf auf der eigenen Homepage www.unterrichtshomepage.de. Eine in der Stadt durchgeführte Fragebogenaktion zur sozialen Lage berücksichtigte neben anderen Gruppen die besonderen Belange unserer behinderten Mitbürger. Für die Evaluation der Ergebnisse programmierte der Schüler Jonas Hörsch eine eigene Datenbank mit sämtlichen Fragen, Antworten und einer statistischen Auswertung, die auf der Homepage der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurde.
Zur Fragebogenaktion veröffentlichten unsere Schüler im "Fränkischen Tag" einen selbst verfassten Artikel. Herr Angerstein, Redakteur beim FT, gab ihnen dazu wertvolle Hinweise. In "Das Gymnasium in Bayern" und in der Fachzeitschrift "Pädagogik" konnten wir bayern- und bundesweit unser Partnerschaft-Anliegen der Öffentlichkeit näher bringen. Die Partnerschaft ist "auf dem Weg". Sie steht auch anderen Fächern offen. Inzwischen haben sich die Fachschaften Kunst und Sport dem Projekt angeschlossen. Die Fachschaft Kunst beschäftigte sich mit dem Design der Produkte der Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten und beteiligte sich am Modellbau der Produkte. Außerdem schuf sie mit der BLW für das Projekt "Artenvielfalt" eine Plakatwand in der Nähe des Bahnhofes. Die Fachschaft Sport stellte Schiedsrichter für Wettkämpfe zur Verfügung. Ein erster Einsatz fand bei den Bayerischen Basketballmeisterschaften für Menschen mit geistiger Behinderung vom 16. bis zum 17.11.2002 statt, die in Bamberg im letzten Herbst ausgetragen wurden. Über dieses Turnier wurde überregional berichtet. Gemeinsame Trainingsstunden und Wettkämpfe mit den Mitarbeitern der BLW werden jetzt in den Sportunterricht integriert und bei gemeinsamen Freizeiten durchgeführt.
Das "Partnerschafts"-Team nahm an der stadtweiten Aktion "Bamberg - Chancen einer Region" teil, in der sich verschiedene Bamberger Schulen unter Koordination der ortsansässigen Firma Bi-Log AG zu einer schul- und institutionsübergreifenden Zusammenarbeit formierten. Zweimal konnte dabei die Partnerschaft bei Präsentationen vor einem hochrangigen Publikum, zu dem u. a. Schulleiter, Manager, Journalisten und Politiker aus Bamberg geladen waren, unseren Bürgern vorgestellt werden. Auf dem Regionalkongress in Hof zeigten die Beteiligten der Partnerschaft ihre bisherige Arbeit auf einem Stand. Mitarbeiter der Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten und Schüler des Franz-Ludwig-Gymnasiums gestalteten diesen Stand gemeinsam. Dabei ging es nicht nur darum, die Inhalte wirkungsvoll zu präsentieren, auch die "rein handwerkliche" Realisierung des Standes im gemeinsamen Schaffen mit den Mitarbeitern der BLW und die gemeinschaftliche Präsenz auf dem Kongress waren eine wichtige integrative Erfahrung.
Musikdarbietungen auf der Veeh-Harfe stellten einen besonderen Höhepunkt dar. Das Forum bot eine vorzügliche Möglichkeit, für die Lebenshilfe-Werkstätten und ihre Produkte zu werben und den Partnerschaftsgedanken wirkungsvoll in die Öffentlichkeit zu tragen. Mit großem Interesse besuchte Kultusministerin Monika Hohlmeier unseren Stand und spielte selbst auf den Instrumenten der Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten. Im Bamberger Justizgebäude hatten wir Gelegenheit unser Projekt vorzustellen. Die Fachschaft Kunst beteiligte sich mit den Mitarbeitern der BLW am GEO-Tag der Artenvielfalt und erstellte eine Plakatwand, die jetzt vor unserem Bahnhof zu sehen ist. Auf dem Sommerfest der Bamberger-Lebenshilfe-Werkstätten spielte die FLG-Bigband auf, unter deren Musikern sich auch begeisterte Veeh-Harfen-Spieler befinden. Beim Schulfest des Franz-Ludwig-Gymnasiums bauten wir einen Informationsstand auf und organisierten als Attraktion ein Gewinnspiel, bei dem man aus einem Rollstuhl heraus Basketbälle in einen Korb werfen musste. Diese Aktion war ein großer finanzieller und integrativer Erfolg. In ungezwungener Form kam noch einmal die gesamte Schulgemeinde in Berührung mit der Behindertenthematik.
Eine besonders intensive Form der Begegnung zwischen Schülern und geistig behinderten Mitarbeitern der Lebenshilfe dürfte das Zeltlager vom 21. bis 23. Juli 2003 (von der Bi-Log Ag finanziell unterstützt) gewesen sein. Schüler und Mitarbeiter lernten sich in diesem Lager gut kennen. Sie wanderten, gingen auf einen Felsen unter fachkundiger Anleitung klettern, trainierten Basketball und führten zum Abschluss ein Basketballspiel mit einer zusätzlich angereisten Behindertenmannschaft durch. Im Folgejahr bauten wir zusammen mit Mitarbeitern der BLW in der Lias-Umweltgrube bei Buttheim unter Leitung von Herrn Zöbelein (BLW) ein Fachwerkhaus für Jugendliche. Die bewährten Konzerte von Johannes Klehr vertiefen weiter unsere Begegnungen mit den Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten. Einen neuartigen Beitrag lieferte die Kollegiatin Katharina Nüsslein mit ihrer Facharbeit. Thema: "Vom Klassiker (Goethe, Faust I) zum Gesellschaftsspiel. Die Produktion eines literarischen Spieles für den Verkauf in den Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten". Innovativ und spannend ist auch der Versuch, im Rahmen der Schülerbistro-Firma "Coco´s" Arbeitsplätze für behinderte Mitarbeiter zu schaffen.
3. Schwierigkeiten und Chancen Blickt man auf den bisherigen Projektverlauf zurück, so lässt sich eindeutig feststellen, dass Gymnasiasten und Menschen mit geistiger Behinderung nachhaltig auf einem hohen inhaltlichen Niveau und für beide Seiten Gewinn bringend zusammenarbeiten können. Wir wagen neue Formen der Begegnung. Berührungsängste bauen wir beständig ab. Immer mehr Unterstützung erfahren wir von vielen Seiten. Diese Art des Lernens hilft, dass Schüler für die Stärken auf beiden Seiten sensibilisiert werden und den Wert sozialer Verantwortung erkennen und annehmen. Inzwischen wurde das Partnerschafts-Projekt mehrfach bundesweit ausgezeichnet: Beim Wettbewerb "Jugend übernimmt Verantwortung" der Stiftung Brandenburger Tor der Bankgesellschaft Berlin erhielten wir am 13.6.2003 im Max-Liebermann-Haus Berlin eine Anerkennungsurkunde.
Beim Wettbewerb "Jugend hilft", den der Verein "Children for a better world e.V." ausgeschrieben hatte, gehörten wir zu den 25 Bundessiegern und wurden am 29.6.2003 ins Schloss Bellevue in Berlin eingeladen. Dort wurden wir vom Bundespräsidenten Johannes Rau und seiner Frau empfangen und erhielten den mit 1000,- EUR dotierten vierten Preis in der Sparte "Behinderung kein Hindernis". Mit großem Interesse informierten sich an unserem Stand die Schirmherrin der Veranstaltung, Christina Rau, und der Verleger Dr. Florian Langenscheidt, Initiator des Wettbewerbes, über unsere Arbeit. Im Wettbewerb der Bezirksarbeitsgemeinschaft der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege Oberfranken "Miteinander mehr (er)leben" , der vom bayerischen Kultusministerium landesweit unterstützt mit der Initiative "Na und - Behinderung kein Problem" unterstützt wurde, gewannen wir am 11. November 2003 den ERSTEN PREIS. Er war mit 4000,- EUR dotiert.
Für die Zukunft stellt sich die Frage, wie das Engagement der ersten Jahre weiter gehalten oder sogar noch gesteigert werden kann. Deshalb finden regelmäßige organisatorische Treffen zwischen den Leitern der BLW und unseren betreuenden Lehrern statt. Die erfahrene öffentliche Anerkennung und nicht zuletzt die damit verbundenen finanziellen Zuwendungen geben uns Rückenwind und neue Verantwortung. Zusätzlich zu den laufenden Arbeiten in den einzelnen Fachschaften planen wir weitere gemeinsame Aktivitäten in den eigenen Institutionen und in der Öffentlichkeit. Seit 2003 wird unsere Partnerschaft wissenschaftlich von der Freudenberg-Stiftung betreut. Die Freudenberg-Stiftung richtete zusammen mit der Mercator-Stiftung und dem Caritas-Verband Köln eine internationale und eine nationale Tagung zum Thema Service-Learnig aus. Auf diesen Tagungen konnten wir unsere Partnerschaft einem hochkarätigen Publikum vorstellen, wichtige Impulse geben und vor allem empfangen. Neueste Weiterentwicklungen sind seitdem die Zertifizierung besonders intensiven Schülerengagements, die Vertiefung der Begegnung von gymnasialen Schülern und behinderten Menschen sowie die Stärkung unseres Schulprofils als Ort besonderen sozialen Lernens. Auf einem pädagogischen Tag des FLG werden unter Leitung von Dr. Anne Sliwka von der Freudenberg-Stiftung neue Wege gesucht, um diese Methode des "Service Learning" umfassend auszubauen und curricular in den einzelnen Fächern zu verankern und zu vernetzen. Der besondere Wert dieses innovativen und auf Dauer angelegten Kooperationsmodells liegt in der zwischenmenschlichen Begegnung und in einer möglichst wirksamen Öffentlichkeitsarbeit, die neben wirtschaftlichen Zielen vor allem die Akzeptanz von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft erhöhen soll. Die Mitarbeiter der Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten und unsere Schüler arbeiten miteinander, sie lernen voneinander und sie übernehmen füreinander Verantwortung.
Projektleiter
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