Fachbegriffe Literatur

 

Syntax-Typen

Parataxe

Statistisch signifikante Häufung von Parataxen, d.h. eines nebenordnenden Satzbaus, der mindestens zwei einfache Sätze oder Teilsätze miteinander verbindet.

Hypotaxe

Statistisch signifikante Häufung von Satzverknüpfungen durch Unterordnung, besonders durch mehrfache Einbettung von Gliedsätzen.

Inversion

Umordnung der sprachüblichen Satzgliedstellung, z.B. Umkehrung der Subjekt-Prädikat-Folge, Nachstellung eines Attributs, usw.

Asyndeton

Reihung von mindestens drei syntaktisch gleichartigen Elementen ohne koordinierende Konjunktion. Er trinkt Bier, Wodka, Whiskey.

Polysyndeton

Reihung von mindestens drei syntaktisch parallelen Elementen, die durch gleichlautende Konjunktionen miteinander verbunden sind. Es donnert und regnet und stürmt und schneit.

Aposiopese

Abbruch der Rede vor der entscheidenden Aussage. Euch werd ich!

Zeugma

Zuordnung eines Satzgliedes zu zwei syntaktisch (Claudia hatte den Schnupfen und ihre Brüder den Husten.) oder auch semantisch (Madonna ging ins Kloster und dort zu weit.) inkongruenten Satzteilen.

Hyperbaton

Trennung syntaktisch eng zusammengehöriger Satzglieder oder Gliedsätze durch eingeschobene Satzteile. O lass nimmer von nun an mich allein!

Ellipse

Auslassung von Satzgliedern, die zum Verständnis nicht unbedingt notwendig sind. Woher so in Atem?

Rhetorische Frage

In grammatischer Form der Frage wird eine Behauptung vorgetragen. Die "Antwort" ist durch verbale Signale oder den Kontext vorweggenommen. Sind wir Männer oder Roggenbrötchen, die wir so handeln?

Exclamatio

Emphatischer Ausruf. O holde Maid!

 

Rhetorische Figuren der Wiederholung

Anapher

Übereinstimmung eines oder mehrerer Wörter an den Anfängen mindestens zweier Teilsätze oder Sätze.

Geminatio

Direkte Wiederholung. Spielt das Lied laut, laut.

Alliteration

Übereinstimmung im Anlaut syntaktisch verbundener und benachbarter Wörter.

Reimformel

Wendung aus zwei durch Konjunktion koordinierten Wörtern, die durch Endreim oder durch Alliteration partiell übereinstimmen. Leben statt streben!

Parallelismus

Gleiche Anordnung von syntaktisch korrespondierendem Wortmaterial auf der Ebene der Satzfolge, des Satzes oder Teilsatzes.

Chiasmus

Überkreuzte syntaktische Anordnung von semantisch korrespondierenden Wortpaaren zweier aufeinander bezogener Teilsätze oder Sätze.

 

Rhetorische Figuren des Kontrastes

Antithese

Direkte Konfrontation gegensätzlicher Begriffe oder Gedanken in einem Satz oder einer Satzfolge. Krieg und Frieden.

Paradoxon

Logischer Widerspruch durch Herstellung eines polaren oder kontradiktorischen Gegensatzes zwischen zwei Satzteilen. Der Tod ist das wahre Leben.

Oxymoron

Verbindung zweier sich ausschließender Begriffe. lebendiger Tod — stumm sprechen

Hysteron Proteron

Verkehrung der sachlich oder chronologisch korrekten Folge aufeinanderfolgender Aussagen. Ich wurde geboren und gezeugt im Rinnstein.

Klimax

Anordnung einer mindestens dreiteiligen Wort- oder Satzreihe nach stufenweiser Steigerung des Aussageinhalts. Dieser Halunke, Witwenmörder, Kinderschänder! Û Antiklimax

Pointe

Semantische Kippfigur, bei der eine zuvor aufgebaute Leseerwartung schlagartig enttäuscht wird. Alle Menschen sind gleich — mir jedenfalls.

 

Wortschatz-Konnotationen

Euphemismus

Beschönigender Ausdruck. in die Herrlichkeit Gottes eingehen — sterben

Pejorativ

Herabsetzender Ausdruck. verrecken — sterben

 

Wortschatz-Figuren

Epitheton Ornans

Schmückendes Beiwort. Der liebe Gott.

Hyperbel

Extreme, offensichtlich unglaubwürdige Übertreibung.

Archaismus

Ausdruck, der nicht mehr zum aktiven Wortschatz gehört, eine veraltete Bedeutung aktiviert oder veraltete syntaktische Formen aufweist.

Neologismus

Sprachliche Neubildung, entweder nach geltenden Wortbildungsregeln oder davon abweichend. unkaputtbar

Pleonasmus

Redundanter Zusatz zu einem Wort. endgültig gestorben

Hendiadyoin

Wiedergabe eines Begriffs durch zwei mit "und" verbundene bedeutungsgleiche Wörter. immer und ewig

Litotes

Figur der Emphase durch Verneinung des polaren Gegenteils, z.B. eines superlativischen oder elativischen Ausdrucks. Das war keine leichte Aufgabe.

Understatement

Figur der Emphase durch Ersetzung des kontextuell erwarteten intensiven Ausdrucks durch einen untertreibenden. Es ist mir doch glatt bei dieser Orgie die eine oder andere Entgleisung unterlaufen.

 

Wortspiel-Typen

Paronomasie

Partielle morphologische Übereinstimmung von mindestens zwei Wörtern bei gleichzeitiger semantischer Differenz. gunst- und kunstbeflissen

Kontamination

Komposition aus mindestens zwei sich morphologisch überlappenden Wörtern. Apokalyptusbonbon

Anspielung

Aktivierung von gemeinsamen Hintergrundwissen durch partielle, variierende Zitierung bekannter Ausdrücke oder literarischer Formulierungen.

 

Uneigentliche Redeformen (Tropen)

Metapher

Ersetzung eines eigentlichen Ausdrucks durch einen uneigentlichen. Eigentlich gemeintes Wort (verbum proprium) wird ersetzt durch anderes (immutatio), das sachliche oder gedankliche Ähnlichkeit (similitudo) oder die selbe Bildstruktur aufweist. Springt von einem Vorstellungsbereich in einen anderen / verkürzter Vergleich (tertium comparationis fehlt). Wüstenschiff; vogelfrei

Katachrese

Verbindung von mindestens zwei metaphorischen Ausdrücken aus unvereinbaren Bildbereichen als ungewollte Stilblüte oder als gewollter komischer Effekt. Die meisten Schüler sind aus jenem Holze aus dem man Waschlappen schnitzt.

Personifikation

Spezialfall der Anthropomorphisierung. Punktuelle Darstellung abstrakter Begriffe (Welt, Liebe), Kollektiva (Städte), Naturerscheinungen oder Ereignissen (Regen, Neujahr) als menschliche Gestalten. Die Revolution frisst ihre Kinder.

Allegorie

Veranschaulichung eines Begriffs durch ein rational fassbares Bild (Justicia als blinde Frau / Staat als Schiff). Veranschaulichung eines abstrakten Vorstellungskomplexes oder Begriffsfeldes durch eine Bild- oder Handlungsfolge (Kampf zwischen tierischen und menschlichen Gestalten als Widerstreit zwischen Lastern und Tugenden). Im Gegensatz zur Metapher ist die Beziehung zwischen Bild und Bedeutung willkürlich gewählt, verlangt daher nach rationaler Erklärung. Gewollte, intendierte Anregung zur Reflexion.

Symbol

Real vorhandenes Sinnbild für einen gemeinten Bereich, das in einem naturhaften oder kulturell vermittelten Verweisungsverhältnis zum Gemeinten steht. Verweist auf höhere Zusammenhänge, wendet sich an Sinn und Gefühl, kann sich mit der Zeit wandeln (Justicia als Allegorie Þ Waage als Symbol der Gerechtigkeit / Friedenstaube).

Vergleich

Syntaktische Verbindung einer eigentlichen Prädikation mit einer zweiten nach dem Muster "x ist (so p) wie y". Eine Frau ohne Mann ist (so komplett) wie ein Fisch ohne Fahrrad.

Periphrase

Drumherumreden. Das Geheimnis der Liebeserfüllung — Geschlechtsverkehr

Synekdoche

Ersetzung des eigentlichen Begriffs durch einen zu seinem Bedeutungsfeld gehörenden engeren oder weiteren Begriff Þ pars pro toto — Dach für Haus oder totum pro parte — ein Haus führen.

Metonymie

Ersetzung des eigentlich gemeinten Ausdrucks durch einen, der in einer realen Beziehung zu ihm steht (Erzeuger für Erzeugnis: vom Bauern leben / Erfinder für Erfindung: Porsche fahren / Autor für Werk: Hoffmannn lesen / Gefäß für Inhalt: ein Glas trinken / ... )

Apostrophe

Hinwendung des Dichters zum Publikum oder anderen, oft abwesenden Personen, Dingen (Waffen) oder Abstrakta (Welt). Auch Anrufung der Götter, Musen, o.ä.

Autonomasie

Wechselseitige Ersetzung von Namen und Begriffen. Umschreibung eines Eigennamens durch besondere Merkmale (der Korse = Napoleon) oder Umschreibungen eines Merkmals durch den Eigennamen eines seiner typischen Vertreter (Judas für Verräter).

Synästhesie

Vermischung von Reizen unterschiedlicher Sinneswahrnehmung. duftige Farben; den Tod kosten

Hyperoche

Hervorhebung der Einmaligkeit oder Unvergleichbarkeit einer Sache oder Person durch superlative Steigerung. Die stillste aller stillen Stunden.

 

Stilebenen

Die klassische rhetorische Unterscheidung von "genera dicendi" ist der Versuch, Stilelemente und Stilzüge in ihrem Zusammenwirken zu beschreiben.

Genus humile

Niedrige Stilebene, gekennzeichnet durch alltagssprachliche Lexik, sowie durch das Fehlen von Formen der tropischen Substitution. Schlichtheit, Sprachrichtigkeit und Klarheit (nicht vulgärer Stil).

Genus medium

Mittlere Stilebene, gekennzeichnet durch ausgiebige Verwendung von Formen der tropischen Substitution, Appell-, Wiederholungs- und Kontrastfiguren. Uneigentlichkeit bis geblümter Stil.

Genus sublime

Hohe Stilebene, Realisierung solcher Stilelemente, die zusammen einen feierlich erhabenen oder auch Pathos und Leidenschaft vermittelnden Stil ergeben. Erlesene Wortwahl, strenge bis archaische Syntax, karge oder allenfalls religiös besetzte Metaphorik.

Genus mixtum

Demonstrative Mischung von hoher und niedriger, bzw. mittlerer Stilebene in einem Text.

 

Lyrik

 

Reimtypen

Endreim

Übereinstimmung des phonologischen Materials wenigstens zweier Worte mindestens ab dem letzten betonten Vokal.

Reiner Reim

Vollständige Übereinstimmung. Lebensgeister — Meister

Unreiner Reim

Leicht geminderte Übereinstimmung. Blick — Glück; kälter - Wälder

Eingangsreim

Endreim bei dem mindestens ein Reimglied am Eingang der Verszeile steht. Krieg! ... / Sieg! ...

Binnenreim

Endreim bei dem mindestens ein Reimglied im Versinneren steht. ... als ob es tausend Stäbe gäbe

Paarreim

a / a; b / b

Kreuzreim

a / b / a / b

Umfassender Reim

a / b / b / a

Haufenreim

a / a / a / ... / a

Schweifreim

a / a / b; c / c / b; d / d / b

Verschränkter Reim

a / b / c; a / b / c

Kettenreim

a / b / a; b / c / b; c / d / c

Assonanz

Partieller Reim, bei dem nur die Vokale mindestens ab der letzten betonten Silbe übereinstimmen. weichen / ausgebreitet

Waise

Reimloser Vers im Reimgedicht.

Onomatopoetika

Verwendung klangnachahmender Wörter, Lautmalerei. Kuckuck! Rums!

 

Grundbegriffe Vers

Versfuß

Wiederkehrendes Element eines Versmaßes. Bezeichnet in der deutschen Dichtung eine spezifische Kombination betonter (_) und unbetonter Silben (P ).

Jambus

P _ Befiehl du deine Wege.

Trochäus

_P Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo

Anapäst

P P _ Übers Jahr, übers Jahre, wenn der Frühling...

Daktylus

_P P Hab ich den Markt und die Straße doch...

Versmaß

Metrisches Muster, das sich einer Verszeile unterlegen lässt. Anzahl der Hebungen, welcher Versfuß, Reime.

Zäsur

Metrisch oder inhaltlich geregelter Bruch.

Kadenz

Gestalt des Versendes

  • Stumpfe Kadenz: letzte Silbe betont. Eene meene muh.
  • Klingende Kadenz: letzte Silbe unbetont. Die trabenden Pferde.

Enjambement

Zeilensprung. Fortführung der syntaktischen Einheit über die metrische Grenze am Vers- oder Strophenende hinweg.

Auftakt

Beginn eines Verses mit einer unregelmäßigen Senkung.

Rhythmus

Zusammenwirken von metrischem Schema und sprachlicher Verwirklichung eines Verstextes.

Blankvers

5-hebiges, jambisches, ungereimtes Versmaß. Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe.

Hexameter

6-hebiger Vers. Beginnt meist mit betonter Silbe, die ersten 4 Versfüße sind meist Daktylen (oder Trochäen). Der 5. Versfuß ist immer ein Daktylus, der 6. ein Trochäus. Endet meist betont.

Hoch zu Flammen entbrannte die mächtige Lohe noch einmal.

Pentameter

6-hebiger Vers. Besteht aus 6 Daktylen. Der 1. Und 2. Versfuß können auch Trochäen sein. Die 3. Und 4. Hebung folgen unmittelbar aufeinander Þ Zäsur. 4. Und 5. Versfuß stets dreisilbig.

Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,

Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

Alexandriner

6-hebiger Jambus mit Zäsur nach der 3. Hebung.

Du siehst wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.

Alternierendes Versmaß

Regelmäßiger Wechsel von Hebung und Senkung im Vers.

Tonbeugung

Durchbrechung des akzentuierenden Versprinzips. Widerstreit zwischen der vom metrischen Schema geforderten Akzentuierung und der natürlichen Sprachbetonung.

Endecasillabo

5-hebiger Jambus, gereimt, ohne Zäsur.

Vers commun

5-hebiger Jambus mit Zäsur nach der 2. Hebung

 

Metrisch regulierte Strophen

Chevy-Chase-Strophe

4-Zeiler. Abwechselnd 4- und 3-hebige, stumpfe Verse mit Kreuzreim.

4, st, a / 3, st, b / 4, st, a / 3, st, b

Vagantenstrophe

4, st, a / 3, kl, b / 4, st, a / 3, kl, b

Stanze

8-Zeiler, 5-hebiger alternierender Vers in der Reimordnung a / b / a / b / a / b / c / c.

Distichon

Ein Hexameter und ein Pentameter.

Terzinen

3-zeilige Strophe, oft Blankvers mit klingender Kadenz. a / b / a; b / c / b; c / d / c; ...

Volksliedstrophe

4-Zeiler, 3-hebige Verse, Senkungsfreiheit, Kreuzreim, wechselnde Kadenz.

 

Metrisch regulierte Gedichtform

Sonett

14-Zeiler. In der Regel zwei Quartette und zwei Terzette. Meist Alexandriner mit Reimschema a / b / b / a; a / b / b / a; c / d / c; c / d / c

Epigramm

Nichtfiktionaler Verstext mit 2-8 Versen (oft elegisches Distichon). Meist mit Überschrift, konziser Stil, sprachliche und / oder sachliche Pointe.

Sextine

6-zeilige Strophe.

Refrain

Annähernde Wortübereinstimmung von Versen in allen analogen Positionen strophischer Gedichte.

 

Metrisch freie Gedichte

Freie Rhythmen

Gedichte ohne Reimbindung und strophische Ordnung, kein durchgehendes Versmaß aber Verwendung klassisch verbürgter, aber frei behandelter, Versmaße.

Knittelvers

Wichtigstes Versmaß der epischen und dramatischen Dichtung des 16. Jahrhunderts. 4-hebiger Vers (oft jambisch), Paarreime.

Freie Verse

Gedichte ohne Reimbindung, strophische Ordnung und durchgehendes Versmaß.

Ballade

Ursprünglich Tanzlied mit Refrain. Vereint als Erzähllied die drei Grundarten der Poesie (epische Erzählweise, dramatische Gestaltung, lyrische Formulierung). Volksballade, Götter- und Heldenballade, numinose Ballade.

Elegie

Formal: Distichon. Inhaltlich: Ton verhaltener Klage, wehmütige Resignation.

Hymne

Aus dem liturgischen Bereich. In Neuzeit erscheint sie als reine literarische Gattung mit Bezug zu Psalmen, Preis Gottes, Helden, Tugenden. Grenzen zur Ode oft nicht ganz eindeutig.

Ode

In der griechischen Antike strophische Dichtung mit Musikbegleitung. Triadische Form: Ode, Antode (Antistrophe), Epode (Abgesang). Meist als Monodie (Einzelgesang). Im Deutschen nicht formal bestimmt, sondern Art des Vortrags, pathetischer Stil, bestimmte Thematik.

Lyrisches Ich

Ich-Sprecher eines lyrischen Gedichts, der nicht mit dem Autor-Ich (= Verfasser) oder dem Ich eines Rollengedichts gleichgesetzt werden kann. Durch ästhetische Objektivierung und symbolische Verdichtung über Persönlichkeit enthoben.

Rollengedicht

Sammelbezeichnung für lyrische Gedichte, in denen der Dichter eigene oder nachempfundene Gefühle, Gedanken, Erlebnisse oder Reflexionen einer Figur, meist einem für seine Zeit kennzeichnenden Typus, in Ich-Form in den Mund legt.

Erlebnislyrik

Gestaltet v.a. persönlich-subjektive (reale, irreale, traumhafte) Erlebnisse eines Autors, sei es indirekt in einer das Erlebnis verarbeitenden Dichtung oder in scheinbar unmittelbar bekennender, direkter Gefühlsaussprache. Wertkategorie sind künstlerische Objektivierung und symbolische Verdichtung.

Gedankenlyrik

Auch Ideenlyrik. Vorwiegend reflektierende Lyrik, die im Unterschied zur Erlebnis- und Stimmungslyrik gedankliche, vielfach weltanschauliche Zusammenhänge gestaltet. In der Lyrik der Gegenwart nimmt der Anteil der Reflexion zu.

Dinggedicht

Poetische Darstellung eines Objekts (Kunstwerk, alltäglicher Gegenstand, Tier, Pflanze), wobei das lyrische Ich zurücktritt zu Gunsten distanziert-objektivierender Einfühlung. Objekt wird in seinem Wesen erfasst und zugleich symbolisch gedeutet.

Gelegenheits-

dichtung

Literarische Werke, die zu bestimmten öffentlichen oder privaten Anlässen verfasst wurden.

 

Drama

Unmittelbarkeit

Primäres Gattungskennzeichen. Geschehen vollzieht sich in dem Moment, in dem es rezipiert wird. Unterbrechung dieser Unmittelbarkeit durch epische Mittel.

Geschlossene Form

Szenische Vermittlung eines exemplarischen Geschehens als geschlossenes Ganzes und zwar als enger funktionaler Zusammenhang aller Teile der dramatischen Sukzession. Weglassen, Austauschen oder Verschieben einzelner Szenen nicht ohne gravierende Folgen möglich. Kleist, Der zerbrochene Krug.

Offene Form

Szenische Vermittlung eines Geschehens in Ausschnitten, wobei in der dramatischen Sukzession einzelne Ausschnitte auch ohne gravierende Folgen weggelassen, ausgetauscht oder verschoben werden können. Goethe, Götz von Berlichingen.

Prolog

Fiktionsexterne oder zumindest deutlich vom fiktionalen Geschehen der Haupthandlung abgesetzte Einleitung in ein Drama.

Epilog

Fiktionsexterne oder zumindest deutlich vom fiktionalen Geschehen der Haupthandlung abgesetzter Abschluss eines Dramas.

Monolog

Vom Zuschauer hörbare, aber nicht an ihn oder an andere Bühnenpersonen adressierte Rede in einem Drama.

Dialog

Wechselrede zwischen fiktiven Personen in einem Drama.

Stichomythie

Scharfe Wechselrede in kurzer Folge zur Markierung eines besonderen Höhepunktes, bei der jeder Partner über jeweils einen Vers zu Wort kommt.

Botenbericht

Fiktionsinterne Vermittlung eines bereits abgeschlossenen Geschehens außerhalb der Bühne durch eine Bühnenperson.

Teichoskopie

Fiktionsinterne Vermittlung eines gerade ablaufenden Geschehens außerhalb der Bühne durch eine Bühnenperson.

Ad Spectatores

Fiktionsexterne Anrede des Publikums durch eine fiktive Bühnenperson.

Exposition

Information des Zuschauers über Hauptpersonen und Grundsituation eines Dramas sowie über Ereignisse, die fiktionsintern zeitlich vor dem Aufgehen des Vorhangs liegen.

Anagnorisis

Fiktionsinternes Erkennen zwischen zwei oder mehr Bühnenpersonen in ihrer wahren, zuvor verkannten oder auch verstellten Identität.

Peripetie

Dramatisches Handlungselement, das eine zuvor angebahnte Entwicklung auf ein gutes bzw. auf ein schlimmes Ende hin zunichte macht. In der streng gebauten 5-aktigen Tragödie am Schluss des 3. oder Beginn des 4. Aktes.

Retardierung

Dramatisches Handlungselement, das — im Gegensatz zum Erregenden oder Steigernden Moment — zeitweilig Hoffnungen auf Abwendung der Katastrophe weckt.

Katastrophe

Schlimmer Ausgang einer Tragödienhandlung, traditionell durch den Tod mindestens eines der positiven Protagonisten.

Deus ex machina

Dramatisch nicht motiviertes Auftauchen oder Eingreifen von rettenden Figuren oder gar höheren Gewalten in den Gang der fiktiven Handlung.

Apotheose

Enthüllung des verkannten Göttlichen oder Verklärung des Menschlichen zum Göttlichen am Ende eines Dramas.

Drei Einheiten

Extremfall der Geschlossenen Dramenform: lückenlose zeitliche Abfolge von funktional verknüpften szenischen Handlungselementen am selben Ort des Geschehens (Einheit von Zeit, Ort und Handlung).

Ständeklausel

Literaturhistorische Dramenkonstruktion, die tragische Handlungen (wegen der erforderlichen Fallhöhe) nur sozial hochstehenden, komisch-lasterhafte Handlungen dagegen nur sozial tieferstehenden Bühnenpersonen zubilligt. Die Fallhöhe wurde desto tiefer empfunden, je höher der soziale Rang der Person war.

Katharsis

Abfuhr von Emotionen durch den Mitvollzug des fiktionalen Geschehens einer Tragödie, insbesondere von bzw. durch Furcht und Mitleid.

Chor

Haben zunächst aktgliedernde Funktion, darüber hinaus jedoch auch emblematischen Charakter, d.h. sie wollen das individuelle Geschehen der Akte auf eine Ebene allgemeiner Bedeutung heben, z.T. mit vorausdeutender Funktion.

 

Erzählerische Texte

Erzählinstanz

Dasjenige, was als vom Leser vernommene Stimme die Geschichte erzählt.

Erzählerperspektive

Diejenige(n) Figur(en), als deren Erleben die Geschehnisse erzählt werden. Bei Nichtvorhandensein: aperspektivisches Erzählen.

Innensicht

Wiedergabe von inneren Vorgängen (Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle) mindestens einer Figur.

Außensicht

Verzicht auf die Wiedergabe von inneren Vorgängen.

Ich-Erzählung

Die Erzählinstanz ist zugleich eine Person des erzählten Geschehens und zwar als perspektivisch fokalisierte Zentralfigur oder als nur gelegentlich hevortretende Randfigur.

Er-Erzählung

Die Erzählinstanz ist keine Person des erzählten Geschehens, welches deshalb in der 3. Person Singular oder Plural erzählt wird.

Auktoriale Erzählsituation

Darstellungstechnik in Ich- oder Er-Erzählhaltung mit kommentierender Einmischung, Reflexion, Bewertung, Vorausdeutung usw. der Erzählinstanz (= telling), bei beliebigem Wechsel zwischen Außen- und Innensicht.

Personale Erzählsituation

Darstellungstechnik als Er-Erzählung mit konstanter Erzählperspektive sowie Innensicht im Modus des showing, also ohne kommentierende Einmischung der Erzählinstanz.

Neutrale Erzählsituation

Darstellungstechnik als aperspektivische Er-Erzählung ohne Innensicht und ohne Erzählfigur im Modus des showing.

Ich-Erzählsituation

Darstellungstechnik als perspektivische Ich-Erzählung mit Innensicht im dominanten Modus des telling.

 

Redewiedergabe

Direkte Rede

Redewiedergabe in der 1./2. Person Präsens Indikativ, ohne Innensicht, showing.

Indirekte Rede

Redewiedergabe in der 3. Person Präsens Indikativ, ohne Innensicht, mit telling.

Erlebte Rede

Redewiedergabe in der 3. Person Präteritum Indikativ, mit Innensicht, mit telling.

Redebericht

Redewiedergabe in der 3. Person Präteritum Indikativ, ohne Innensicht, mit telling.

Innerer Monolog

Redewiedergabe in der 1. (oder gleichbedeutenden 2.) Person Präsens Indikativ, mit Innensicht, showing.

Bewusstseinsstrom

Gedanken- oder Redewiedergabe in der 1. Person Präsens Indikativ, mit Innensicht, showing, oft in unvollständiger Syntax mit ganz oder weitgehend fehlender Interpunktion.

 

Zeitgerüst des Erzählens

Erzählzeit

Dauer des (Vor)Lesens einer Geschichte.

Erzählte Zeit

Dauer des Geschehens einer Geschichte.

Erzähltempo

Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit.

Zeitdeckung

Annähernd gleiche Dauer von Erzählzeit und erzählter Zeit.

Zeitdehnung

Erzählzeit > erzählte Zeit

Zeitraffung

Erzählzeit < erzählte Zeit

Episches Präteritum

Verwendung des Präteritums nicht als Tempus der Vergangenheitsdarstellung, sondern als Basistempus der epischen Fiktion.

 

Erzählkomposition

Thema

Gleichartiges Inhaltselement verschiedenartiger Dichtungen, gleichbleibend in der behandelten Problematik, variabel in der Ausgestaltung von Situationen und Handlungsabläufen wie in der örtlichen, zeitlichen und figuralen Konkretisierung Thema Krieg — Tolstoi, Krieg und Frieden & Brecht, Schweyk.

Motiv

Gleichartiges Inhaltselement verschiedenartiger Dichtungen, gleichbleibend in der typischen Grundsituation und im zentralen Handlungsablauf, variabel in der örtlichen, zeitlichen und figuralen Konkretisierung. Ehebruch-Motiv — Flaubert, Madame Bovary & Fontane, Effi Briest.

Stoff

Gleichartiges Inhaltselement verschiedenartiger Dichtungen, gleichbleibend durch örtliche, zeitliche und figurale Festlegung, variabel in der Ausgestaltung von Situationen und Handlungsabläufen. Leben Jesu als Stoff — 4 Evangelien & Ben Hur.

Story

Gleichartiges Inhaltselement verschiedenartiger Dichtungen, gleichbleibend in der zeitlich zusammenhängenden Folge fiktiver Geschehnisse, variabel in deren zeitlicher bzw. motivierender Verknüpfung. Selbe Story — Hartmann von Aue, Gregorius & Thomas Mann, Der Erwählte.

Plot

Gleichartiges Inhaltselement verschiedenartiger Dichtungen, gleichbleibend in der zeitlich zusammenhängenden Folge fiktiver Geschehnisse wie auch in deren zeitlicher bzw. motivierender Verknüpfung. Märchen Þ Drama: gleicher Plot, andere Gattung.

Rahmenerzählung

Teil einer Geschichte, in dem erzählt wird, wie jemand eine Geschichte erzählt.

Binnenerzählung

Geschichte, die von einer fiktiven Person in einer Erzählung erzählt wird.

Erzählstrang

Personell und zeitlich kohärente Ereigniskette auf der Ebene der Story. Je nach der Verwendung auf der Ebene des Plot wird die Erzählung einsträngig, mehrsträngig oder episodenhaft.

Analepse

Nachträgliche Erzählung eines Ereignisses, das vor dem Zeitpunkt stattgefunden hat, an dem sich das epische Geschehen gerade befindet.

Prolepse

Vorgreifende Erwähnung eines Ereignisses, das später stattfindet als zu dem Zeitpunkt, an dem sich das epische Geschehen gerade befindet.