Mittelstufentheater:
Metamorphosen
Freitag, 13. Februar 2004, 19:30 Uhr, Untere Turnhalle
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In nova fert animus mutatas dicere formas
corpora; di, coeptis (nam vos mutastis et illas)
adspirate meis primaque ab origine mundi
ad mea perpetuum deducite tempora carmen! 
(Ovid, Metamorphoses, I, 1-4)

 

Verehrte Freunde der Altphilologie!
Salve Ovid-Freaks!

Sollte jemand von Ihnen nach unserer Aufführung sagen: „So kenne ich meinen Ovid aber nicht!“, uns gar vorwerfen, dass wir mit unserem Stück die fulminanten „Metamorphosen“ des Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. – ca. 17 n. Chr.) „verhunzt“ hätten, so tut uns das Leid. Wirklich! Aber es ließ sich nun einmal nicht vermeiden. Sorry! 
Wir geben zu, dass wir uns das am Anfang der Proben ganz anders vorgestellt hatten. Wir wollten endlich auch einmal Weltliteratur auf die Bühne bringen. Und wenn schon, denn schon: Es musste also Ovid sein. Sind doch seine „Metamorphosen“ als mythologische Enzyklopädie des Altertums von allen Größen der Weltliteratur ausgeschlachtet und somit als vorbildlich geadelt worden: von Shakespeare (Romeo und Julia) über Goethe (Römische Elegien) bis hin zur postmodernen „Letzten Welt“ Christoph Ransmayrs. Der Verfasser unserer Bearbeitung, Heinrich Waegner hat dazu in einem Interview festgestellt:
 „Es sind [...] die mythischen Stoffe, die nach körperlicher Darstellung ‚schreien’. [...] Das Urmenschliche, das sich ja nie verändert und das sich dem modernen emotionsfeindlichen Menschen [..] erst im entfernten Märchengewand und körperlichen Bild als akzeptabel oder gar echt präsentiert, reizt zum Bildermachen. [...] Theater in seiner ureigensten Form – seiner Entstehung aus dem religiösen Ritus – [...] muss im besten Sinne sinnlich (be-)rühren.“ 
Nun ja. So ist das wohl. Vielleicht.

Vor allem aber reizte uns das Konzept der „Metamorphosen“ selber, denn „Verwandlungen“ – so der deutsche Titel – sind schließlich der Kern des Theaters überhaupt. Hier bot sich die Möglichkeit mit zurückhaltendem Bühnenbild und stilisierten Kostümen körperbetontes Theater zu machen. Die Verwandlung auf der Bühne von der Urmasse zum Fisch, vom Kind zum Erwachsenen, von der schönen Jungfrau zur dummen Kuh und weiter zum Sternbild darzustellen war eine Herausforderung, die uns ebenso reizte wie die Darstellung der Sintflut oder Phaetons, der die Kontrolle über den Sonnenwagen verliert und so die Erde abfackelt. Von Pyramus und Thisbe, dem Urbild tragischer Liebe, ganz zu schweigen. Hinzu kamen die faszinierenden Möglichkeiten des antiken Dramas: Der auch in der Übersetzung noch wunderbare Hexameter – von Waegner weitgehend getilgt, von uns wieder eingefügt – war eine große Herausforderung für Gedächtnis- und Rezitationskünstler. Anhand der Götter im Olymp konnte zudem das Spiel ohne Text über mehrere Szenen geübt werden – theoretisch ja sogar für die Ewigkeit. Und schließlich stellte auch das Durchbrechen der Handlung, das Kommentieren fürs Publikum durch den antiken Chor im Straßencafé eine Spielform dar, die bisher keiner von uns geprobt hatte. Das alles klang wirklich gut.

Doch irgend etwas hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Warum nur wurden unsere wohl gemeinten Versuche zur Parodie? Warum kicherte unsere Thisbe ständig, wenn sie den toten Pyramus beweinen sollte? Warum konnten wir keine Ehrfurcht einflößenden Götter darstellen? Warum wirkten sie auf uns so dekadent, so brutal, so lächerlich, wenn sie wehrlose Mädchen vergewaltigten um dann vor der rachsüchtigen Gattin kuschen? Warum ließen sie ihre Kinder sehenden Auges ins Verderben laufen? Weshalb taten sie so etwas? War es die Langeweile der Unsterblichen, die alles schon seit Ewigkeiten kannten, für die das Erdengeschehen wie die x-te Wiederholung eines öden Hollywood-Schinken im Privatfernsehen wirken musste? Und wieso erschienen uns Ovids Menschen wie Marionetten, den unsichtbaren Fäden bösartiger Parzen ausgeliefert, ohne freien Willen und stets zum Scheitern verurteilt? Welchen tieferen Sinn hat denn die Racheorgie der Sintflut, wenn nur wieder ein neues Menschengeschlecht ersteht, das ja wohl auch nicht so viel besser ist als das vorhergegangene? Und da wir schon beim Urgrund sind: Warum wird das Paradies nur erschaffen, damit der Mensch ausgeschlossen werden kann? 

Ja, ja, wir wissen, dass es philologische, philosophische, psychologische und theologische Erklärungsversuche en masse gibt. Aber sie reichen eben nicht aus. Der Ursprung des Mythos, so Franz Kafka in seiner Parabel „Prometheus“, ist das „unerklärliche Felsgebirge“, an das die Götter den vernunftbegabten Menschen gekettet haben um ihn zu quälen. Man kann sich ihnen fügen, den Mythos verehren, ihn in Trauergesängen und Tragödien beklagen, in Hexametern zu bändigen versuchen oder sich im Gegengesang, der Parodie, wehren. Wir haben uns für letzteres entschieden. Auch wenn das an der conditio humana nichts ändert und auch wenn wir wissen, dass unser Spott zugleich die Flucht vor dem Pathos ist: Das Lachen ist ein kleiner Sieg der freien Vernunft über die Wahrheit der Mythen.

Sg
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1 Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue Körper, so treibt mich der Geist. Ihr Götter, da ihr sie gewandelt fördert mein Werk und lasset mein Lied in dauerndem Flusse von dem Beginne der Welt bis auf meine Zeiten gelangen!

2 Uns ist bekannt, dass das nicht in den „Metamorphosen“ steht. Passt aber irgendwie dazu, oder?