Theater ohne Textbuch

„Die Improleten“ geben ihre Abschiedsvorstellung, 15. Januar 2010

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Plakat: M Stübinger

„Du denkst, wenn man auf Nägeln läuft,
wird man nicht dicker“


Letzte Vorstellung der „Improleten“


Vier Jahre lang bestand die flotte Gruppe, welche ihr Publikum ein jedes Mal durch Tempo, Wortwitz und Kreativität mit abwechslungsreichen und unvorhersehbaren Szenen konfrontiert(e). Unter der Leitung ihres Mentors Martin Stübinger, der in gekonnter Weise immer wieder auch die Untermalung der Szenen am Klavier übernommen hatte,
improvisierten Zarah Bruhn, Tonia Lohneis, Sophie Zwosta, Jonas Eberth, Tobias Schmidt und Joschka Vetten mit viel Spontaneität und auf nahezu professionelle Weise Szenen des Lebens, des Alltags und der absurden Phantasie.

Leider – und das sei mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesagt - konnten die Zuschauer nun zum letzten Mal einen wunderschönen Abend genießen, bei dem, aus den verschiedensten Gründen, kein Auge trocken blieb. Unerhörte Szenen, bewegende Dramen und mehr oder weniger melodische Lieder, welche die Lachmuskeln strapazierten, teilweise aber auch zum durchaus kritischen Nachdenken anregten.

Zarah Bruhn verstand es von der ersten Sekunde an, die ihr untergeben Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Als dominante Lehrerin machte Sie das Publikum mit den Grundformen des Anstands und den Regeln des Improvisationstheater bekannt, was soweit führte, dass ein verdutztes Mädchen sogar auf der Bühne seinen Namen tanzen muss. Und dann werden die „Versager“ auf die Bretter, welche die Welt bedeuten, gerufen und das Spiel – oder besser gesagt, die vielen Spiele – kann (können) beginnen. Alle Anwesenden zählen die anstehende Szene ein und mit dem „Freece Tag“ erlebte man Tobias Schmidt, der gekonnt sein weibliches Gegenüber im Fahrstuhl anmachte oder Tonia Lohneis, die einen pinkelnden Hund auf gekonnte Art und Weise mimte. Hohe Konzentration zwang das ABC-Spiel den Akteuren Jonas Eberth und Joschka Vetten ab, die auf einer Wanderung in den Bergen eher mit der Qualität ihrer Schuhe als mit der Anstrengung in den Bergen beschäftigt waren. Muss man sich dabei aber bei den Satzanfängen des Dialogs an die Reihenfolge des Alphabets halten, ist dies ungleich schwerer, als nur gemütlich durch die Natur zu gehen.

„Einer spricht alle“ – hier zeigte Jonas Eberth sein schauspielerisches Können und sein großes Potential an Witz, musste er doch gleichzeitig und flexibel den Text von drei pantomimisch agierenden Kolleginnen auf der Bühne sprechen, jeweils seine Stimm- und Gefühlslage dem Charakter der Figur anpassen, was ihm auf kongeniale Art und Weise in einer wunderbaren Persiflage gelang.

Ist man in der Realität des Lebens stets darauf bedacht, der Niveaulosigkeit des Fernsehens zu entfliehen, macht es bei den Improleten sehr viel Spaß, sein Programm durch lautes Zurufen selbst zu gestalten. So hat man dann das Vergnügen, Tonia Lohneis als Rotwein trinkendes Baby kennen zu lernen, um das sich Sophie Zwosta als „Super Nany“ in mehr oder weniger liebevoller Weise kümmert. Und dem unaufgeklärten Zuschauer wird endlich bewusst, dass die „stille Treppe“ ein durchaus sinnvolles pädagogisches Mittel zu sein scheint. Das der „Vater“ des Kindes mit der Erziehung völlig überfordert ist, weiß Tobias Schmidt sehr humorvoll und facettenreich zu vermitteln, was wiederum sein großes Theatertalent beweist.

Klassiker des Improvisationstheaters erfreuten auch an diesem Abend wieder alle Anwesenden. Sei es der Gebärdendolmetscher, der rasant schnell, mit hoher Präzision und genialer Mimik und Gestik nahezu akrobatisch die „Nachrichten“ zweier Sprecherinnen um Fernsehen „übersetzte“, sei es eine rückwärts gespielte Szene, in welchem eine Haufrau dem Milchmann begegnet, aber dem Betrachter verdeutlicht wurde, es handle sich nicht um das, wonach es aussehe. Ein Date mit einem aggressiven, Daumen lutschenden und überfütterten Jüngling muss zu verwirrten Reaktionen der Dating-Partnerin führen. Und wenn die gleiche Szene um das Kennenlernen eines nun schon lange verheiraten Pärchens auch als gereimtes Drama, als Oper und als Ausdruckstanz interpretiert wird, dann muss man Begeisterungsstürme beim Zuschauer hervorrufen.

Immer wieder müssen die „Improleten“ rasch auf die Zurufe oder das Verhalten ihrer Mitspieler reagieren, dürfen nicht den Faden verlieren – eine Aufgabe, die alle Beteiligten mit Bravour erledigen. Ein toller Abend. Wir werden die „Improleten“ vermissen.

Wolfgang Metzner




Plakat: M. Stübinger, Fotos: St. Thienel - Anklicken vergrößert!

15. 01. 2010/Th