
| Bert Brecht:
Furcht und Elend des Dritten Reiches
Charakter, das ist eine Zeitfrage.
Er hält soundso lange, genau wie ein Handschuh.
Es gibt gute, die halten lange.
Aber sie halten nicht ewig.
(Bert Brecht)
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Bert Brechts
Stück gilt als eines der Hauptwerke der Exilliteratur. In den Jahren
1935 bis 38 entstanden – also noch vor Krieg und Holocaust –, zeigt es
in einer kaleidoskopartigen Szenenfolge von Alltagsepisoden die
Verhaltensweisen von Tätern, Mitläufern und Opfern in der Nazi
Diktatur. So entsteht ein scharf gezeichnetes Bild der
Untertanenmentalität der Deutschen, die Hitlers Herrschaft überhaupt
erst möglich machte: eine Mischung aus Brutalität und Angst,
Großmannssucht und Duckmäuserei, Egoismus und Feigheit. Es ist ein
Blick hinter die Fassade des „Großdeutschen Reiches“, der den Schein
der Macht, der Disziplin und Geschlossenheit unter dem Hakenkreuz
entlarvt als ein auf Terror, Denunziation und Ausbeutung basierendes,
zerbröckelndes Gebilde unter dem Damoklesschwert des kommenden Krieges.
Der Schwerpunkt des Stückes liegt hierbei auf Szenen aus dem
alltäglichen Leben der unterschiedlichen Schichten. Nicht ohne Grund
wurde das Stück zunächst unter dem Titel „Aus dem Privatleben der
Herrenrasse“ aufgeführt. Die Grobiane der SA, die nachts plötzlich
Angst bekommen, die Kleinbürger, die den Nachbarn anschwärzen, und
danach schlecht schlafen können, der Mann, dem seine Karriere wichtiger
ist als seine Frau, die Eltern, die ihren Kindern genauso wenig trauen
wie das Mädchen ihrem Freund, die Verblödung des Volkes durch die
Medien oder die Anpassung an das, was gerade politisch korrekt ist,
auch wenn man eigentlich anderer Meinung ist – das alles ist nicht die
große Politik der Hitler, Goebbels und Konsorten, sondern Alltag. Ein
Alltag der uns auch nach über einem halben Jahrhundert immer noch
irgendwie bekannt vorkommt. Hierin liegt die Aktualität dieses
Zeitstückes, denn es sind letztlich eben doch allgemein menschliche
Eigenschaften, die uns Brecht vor Augen führt. Sie gedeihen nicht nur
im rechtsfreien Raum des „Dritten Reiches“, obwohl sie freilich gerade
im Umfeld von Willkür, Ausbeutung und Brutalität der Nazis besonders
scharf konturiert hervortreten. Kein rein historisches Stück also,
sondern ein Stück, das auch diejenigen noch fasziniert und bedrückt,
die nach unzähligen Geschichtsstunden, Gedenkveranstaltungen, Filmen
und Guido-Knopp-Dokumentationen des Themas eigentlich schon überdrüssig
wären - wenn es denn für den deutschen Bürger politisch korrekt wäre,
das auch zuzugeben.
Sg
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