| Home | Programm | Proben | Bilder | Kritik | Besetzung | Video |
Das Plakat stammt von Anna Götz |
Nach mehrjähriger Abstinenz beteiligt sich das E.T.A. Hoffmann-Gymnasium
dieses Jahr wieder an den Bamberger Schultheatertagen mit einer von allen
vier Theatergruppen der Schule gemeinsam aufgeführten Revue mit Texten,
Liedern und Szenen aus der Weimarer Republik. Es reizte uns ein gemeinsames
„Großprojekt“ durchzuführen, an dem neun Lehrer und Schüler
fast aller Jahrgangsstufen beteiligt sind. Mit einem Kaleidoskop aus Musik,
Tanz, Theater und Gedichtvorträgen wollen wir versuchen die Stimmung
dieser schillernden Epoche zu evozieren, ein Konzept, das wir in ähnlicher
Form schon bei den Lyrikabenden an der Schule erprobt haben.
Dass gerade die Zwanziger Jahre immer wieder Gegenstand einer Revue sind (in Bamberg zuletzt am Kaiser-Heinrich-Gymnasium), ist kein Wunder. Denn diese hektische, verworrene, brutale, schöne, rundum schizophrene und gleichzeitig so sachlich-nüchterne Zeit gilt zurecht als einer der Höhepunkte der modernen Kultur. Auf dem Nährboden der ersten deutschen Demokratie und insbesondere in der Großstadt Berlin gedeihen abstrakte Kunst, Film, Dadaismus, Jazz, Theater, Chanson und Kabarett. Gerade letzteres erscheint als Brennpunkt, in dem sich die verschiedenen Facetten dieser turbulenten Zeit treffen. |
| Das Programm unseres Kabaretts, das den Rahmen der Revue
bildet, bietet neben verruchten Tänzerinnen spöttische Songs
und satirische Gedichte von Erich Kästner und Kurt Tucholsky, die
das Zeit- und Bühnengeschehen kommentieren. Genau so wichtig aber
ist das Publikum der Vorstellung, denn hier begegnet man einem Querschnitt
der Weimarer Großstadtgesellschaft. Und diese entspricht gar nicht
dem bunten Glamour des Kabaretts, sondern spiegelt die Zerrissenheit, Unzufriedenheit
und Radikalität einer politisch turbulenten Zeit wie sie beispielsweise
Ernst Toller in seinen Stücken dargestellt hat. Da wäre zunächst
der Veteran Hinkemann aus dem gleichnamigen Drama, den der Krieg physisch
und seelisch verkrüppelt hat. Auch der einstige Revolutionär
Karl Thomas aus „Hoppla, wir leben“, der acht Jahre eingesperrt war, versteht
die Welt nicht mehr: Sein alter Genosse Kilmann hat Karriere gemacht und
seine Ideale verraten. Wenngleich der Staat formal eine Demokratie ist:
Die wirkliche Macht liegt immer noch bei den Eliten des Kaiserreichs, bei
Hochfinanz und Adel, die nur darauf warten die Demokratie zu zerstören.
Im zweiten Block verlassen wir vorübergehend das Kabarett und begeben uns auf die Straßen Berlins. Der ehemalige Transportarbeiter und Kleinkriminelle Franz Biberkopf aus Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ scheitert beim Versuch ein ehrliches Leben zu führen im Pandämonium der verwirrenden, brutalen Großstadt. Er gerät auf die krumme Bahn, bis er zuletzt – im wahrsten Sinne des Wortes – unter die Räder kommt. Denn im Moloch Berlin herrschen Ausbeutung und Not, sogar Kinder werden ausgeraubt. Immerhin: In Erich Kästners „Emil und die Detektive“ können sich diese durch Großstadtwitz, Kameradschaft und Mut behaupten. Die bürgerlichen Kreise sind angesichts dieser gar nicht schönen neuen Welt jedoch zutiefst verunsichert. In einer Adaption von Kafkas Parabel „Der Nachbar“ gerät die vermeintlich ruhige Welt eines bis dato erfolgsverwöhnten Geschäftsmanns ins Wanken. Ist der neu eingezogene Nachbar ein gefährlicher Konkurrent? Oder besteht die Gefahr nur im Kopf des Betroffenen? Was ist Schein? Was Wirklichkeit? Wie soll man sich aus der Bedrohungssituation befreien? Am Schluss unserer Revue wird die Welt des Kabaretts – wie auch die der Weimarer Republik – zunehmend düster: Armut, Gewalt, politische Morde sind an der Tagesordnung, nur noch der „Erlöser“, hier verkörpert durch Brechts Arturo Ui, scheint einen Ausweg zu bieten – doch dieser führt ins Massengrab. Die Worte des Conferenciers – „Willkommen, bienvenu, wellcome [...] we have no troubles here, in here life is beautiful” – sie können nicht überdecken, dass die Kultur der “Goldenen Zwanziger” letztlich ein Tanz auf dem Vulkan war. Sg
|
|